S. Alexander Reed – Assimilate

Assimilate„SPK attempts to have its revolution and dance to it too.“ – Der Widerspruch zwischen tanzbarem Pop auf der einen und revolutionärem Geräusch auf der anderen Seite zieht sich durch die Industrial-Geschichte und konsequenterweise auch durch S. Alexander Reeds Buch.

Reed ist einerseits Musikwissenschaftler, andererseits Fan. Und genau das trägt erheblich zum Gelingen von „Assimilate: A Critical History of Industrial Music“ bei. Denn Reeds Werk ist von seiner Begeisterung für das Thema getragen – aber er wird dabei nie zum Fanboy, bewahrt seine kritische Distanz.

Die erste Hürde nimmt er bereits in der Einleitung, wenn er auf einen zum Scheitern verurteilten Versuch der musikalischen Definition von ‚Industrial‘ verzichtet. Stattdessen gibt es einen kurze Erläuterung des Genre-Begriffes aus soziologischer Sicht, der gut greift um zu umreißen, um was es in den folgenden 376 Seiten geht.

Nach der Einleitung nimmt sich Reed sich im ersten Teil die Zeit, um zwei wichtige Einflüsse auf die Entstehung des Industrial zu diskutieren: Den italienischen Futurismus einerseits und William S. Burroughs andererseits. Daraus werden dann zentrale Themen für den (frühen) Industrial hergeleitet: Macht, Manipulation und das Spannungsfeld zwischen Technikeuphorie und -paranoia.

Diese ideengeschichtliche Einordnung des Industrial in einen größeren Kontext ist eine wichtige Grundlage für die folgenden Kapitel, aber auch an für sich schon faszinierend zu lesen. Zwar war mir – insbesondere durch Burroughs Veröffentlichungen auf Industrial Records – bekannt, dass es hier Verbindungen gab. Das diese aber über persönliche Bekanntschaften hinausgingen und wie stilprägend diese waren, war mir nicht klar. Reed gelingt es, diese in den Industrial mündenden Strömungen eindrucksvoll zu belegen. Ein sehr erfrischender Kontrast zu dem häufig erweckten Eindruck, Industrial habe angefangen als Throbbing Gristle plötzlich aus dem Nichts auftauchte. Reed rekonstruiert hier ein wesentlich solideres Fundament.

Im zweiten Teil geht es dann um die eigentliche Entstehungsphase des Industrial-Genres. Reed wählt hier den Ansatz, geographisch vorzugehen und die Entwicklung in wichtige Zentren zu schildern: Berlin, England und San Francisco. Interessant ist dabei die Wahl des Schwerpunkts im England-Kapitel: Throbbing Gristle wird selbstverständlich gewürdigt, aber mit Hinweis auf die bereits existierende umfangreiche Literatur relativ kurz behandelt. Stattdessen wird die Szene in Sheffield um Cabaret Voltaire ausführlich geschildert – durchaus eine begrüßenswerte Entscheidung.

Ein weiteres Kapitel widmet sich keinem geographischen Zentrum, sondern der schon lange vor dem Internet existierenden Vernetzung in Form von Mail Art – ein Aspekt, der mir gänzlich unbekannt war. Durch die Natur dieses Mediums ist hier leider viel weniger erhalten bzw. öffentlich zugänglich als es bei Schallplatten und anderen Veröffentlichungen der Fall ist, und um so erfreulicher ist die Würdigung dieses wichtigen, aber heute fast unsichtbaren Aspekts.

Der dritte Teil des Buches befasst sich dann mit den wesentlichen Entwicklungen des Genres in den 80ern, von SPK über den belgischen EBM bis zu Skinny Puppy. Diesem Abschnitt ist das Zitat zu Beginn entnommen und hier finden sich ausführliche und äußerst lesenswerte Betrachtungen zu den verschiedenen Strategien im Umgang mit dem Widerspruch zwischen tanzbarer Popkultur und sperriger Avantgarde.

Unter dem Titel „Industrial Politics“ wird im vierten Teil das nicht einfache Verhältnis von Industrial zu totalitärem Gedankengut unter die Lupe genommen. Auch der Tatsache, dass das Industrial-Genre eine fast ausschließlich weiße Monokultur ist, ist ein Kapitel gewidmet. Besonders Industrial & Totalitarismus ist ein so komplexes Thema, dass es sicher auch ein eigenes Buch füllen könnte. An dieser Stelle ist die Analyse kurz, aber knackig geraten und ohne diese kritischen Gedanken würde dem Buch sicherlich eine wichtige Komponente fehlen.

Der fünfte und letzte Teil des Buches ist leider dessen einziger Schwachpunkt. Unter der Überschrift „People and Industrial Music“ finden sich einige etwas zusammengewürfelt wirkende Kapitel. Für sich betrachtet sind diese zum Teil auf dem gleichen hohen Niveau wie der Rest des Buches, so zum Beispiel das Kapitel über WaxTrax!, das natürlich nicht fehlen darf. Aber irgendwie fehlt diesem Teil die Kohärenz des restlichen Buches. Einige Strömungen und Künstler von Mitte der 90er bis zur Gegenwart werden zwar diskutiert, aber die Auswahl scheint recht willkürlich und unvollständig. Die wichtigen Impulse, die aus der skandinavischen Szene um Cold Meat Industries kamen, finden beispielsweise keine Erwähnung. Entweder hätte man diesen Teil bewusst kürzen und „Assimilate“ als ‚Geschichte des Industrials bis Mitte der 90er‚ untertiteln oder aber nochmal deutlich erweitern müssen, um den letzten zwei Jahrzehnten angemessen Rechnung zu tragen. So ist es weder Fisch noch Fleisch und im Gegensatz zu den vorangegangenen Teilen auch sehr auf die nordamerikanische Szene beschränkt.

Aber trotz des etwas enttäuschenden letzten Teils bleibt „Assimilate“ ein großartiges Buch. Reed macht nicht den bei popgeschichtlichen Büchern beliebten Fehler, einfach eine Anekdote an die andere zu hängen, sondern liefert eine Menge Substanz. Trotzdem ist das Buch nicht trocken und durchweg unterhaltsam zu lesen. Gelegentlich nimmt sich Reed auch ein paar Seiten Zeit, um exemplarisch einzelne Songs aus musikwissenschaftlicher Sicht genauer zu betrachtet. Sowohl diese Analysen im Kleinen als auch die Schilderung der größeren Zusammenhänge waren für mich eine immense Bereicherung. Viele der frühen Bands und Platten kannte ich natürlich schon, aber oft fehlte mir der Kontext um sie wirklich einordnen und würdigen zu können. Assimilate führte dazu, dass ich mir diverse alte Songs nochmal frisch anhörte und dabei das eine oder andere ‚Aha!‘-Erlebnis hatte.

Was will man mehr?

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