Re: Zensur

In letzter Zeit ist das dumme Gejammer, dass einem aus dem Netz wegen angeblicher Zensur entgegenschlägt, unerträglich geworden.

 


 

Vor ein paar Jahren diskutierte ich (damals als Vertreter des CCC) mit einer Gruppe Studenten über Zensur im Internet, Stichwort „Netzsperren“. War damals (mal wieder) im Gespräch. In der Gruppe herrschte weitgehend Konsens, dass solch eine Zensur schon nötig sei, wegen Nazis und so.

Irgendwann fragte ich: „Ok, wenn ihr euch einig seid, dass eine Zensur des Internets nötig ist – Wer soll das machen? BKA, Verfassungsschutz, Innenministerium? Wem vertraut ihr so sehr, dass ihr ihn für euch entscheiden lassen wollt, was ihr sehen dürft und was nicht?

Da machte was *klick* und innerhalb kurzer Zeit war die Stimmung umgeschlagen. Eines der raren Erfolgserlebnisse, wo man tatsächlich jemand zum Nach- und letztendlich Umdenken anregen konnte. Zensur bedeutet immer eine Unterordnung unter die Wertmaßstäbe anderer.

 


 

Ähnlich wie bei den Hackern ist auch in der Industrial-Bewegung die Ablehnung von Zensur seit Anfang an ein zentrales Element. Schon bei Throbbing Gristle, und selten so radikal wie dort. Jahrzehnte später trägt es eines der wichtigsten Labels sogar im Namen. Und fuck yeah, verdammt nochmal dafür.

Aber.

Inzwischen nehmen viele Leute das Wort ‚Zensur‘ in den Mund, wo es völlig unangemessen ist. Inzwischen haben viele Leute anscheinend gar keinen Plan mehr, was Zensur eigentlich ist.

Ich erlebe es immer wieder, wenn irgendwelche ‚kontroversen‘ Künstler diskutiert werden, aber nicht nur unsere Subkultur ist davon betroffen. Ganz massiv passiert es zur Zeit bei einer Diskussion Hetzkampagne in der (primär amerikanischen) Computerspielszene.

Das Schema ist immer das gleiche.
Person X schreibt/singt/zeichnet/programmiert was, jemand anderes kritisiert es als sexistisch/rassistisch/sonstwas-istisch. Worauf die Kritiker sich von X und dessen Gefolgschaft anhören müssen, man dürfe das ja wohl noch sagen und man würde sich nicht von den ‚politisch korrekten‘ zensieren lassen. Gerne gefolgt von hysterischem Berufen auf die Meinungsfreiheit und Vergleichen der Kritiker mit Stalin oder einer beliebigen anderen absurden Inkarnation des Bösen. (Wenn ich noch einmal das Wort „Femnazi“ lesen muss…)

 


 

Völlig unabhängig davon, ob die Kritik berechtigt ist oder nicht (was sich im Einzelfall durchaus zu diskutieren lohnen mag) – dieses Argumentationsschema ist so unglaublich kaputt.

Alter, niemand zensiert dich.
Niemand verbietet dich. Niemand löscht deine Youtube-Videos, sperrt deine Website oder verbrennt deine Bücher. Niemand gibt dir 100 Stockschläge. Es gibt genug Ecken auf der Welt, wo Menschen das (und schlimmeres) passiert, wenn sie ihre Meinung sagen. Aber dir nimmt niemand deine Meinungsfreiheit, wenn er dich kritisiert – jemand nutzt nur seine ebenfalls vorhandene Meinungsfreiheit um mitzuteilen, was er von deinen Äußerungen hält.

Wenn du damit nicht klarkommst  – dein Problem.

 


 

Viele, die über angebliche ‚Zensur‘ meckern, wollen nur das Privileg, ihre Meinung ohne Konsequenzen absondern zu können. So läuft das aber nicht.

Gerade weil wir das unglaubliche Privileg haben, in einem Land und einer Zeit zu leben, wo man von Zensur relativ frei ist –

Gerade, weil es immer wieder und von verschiedenen Seiten Attacken auf diese Freiheit gibt –

– gerade deshalb ist es wichtig, dass wir den Zensurbegriff ernst nehmen und nicht durch dummes Gejammer entwerten.

Vor allem, wenn man sich auf die Vordenker des Industrial berufen will, ohne sich lächerlich zu machen.

Kritik ist nicht Zensur. Deal with it, Wohlstandsbalg.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.