J.Teipel – Verschwende deine Jugend

verschwende_deine_jugendDAF hatten gerade ihr erstes Konzert gespielt als ich geboren wurde, und die Gründung der Einstürzenden Neubauten lag noch ein Jahr in der Zukunft. Musikalisch spannende Zeiten, aber ich kann leider nicht behaupten, sie bewußt miterlebt zu haben. Doch wenn man sich mit Industrial – oder mit Punk, oder mit einem Dutzend anderer Genres beschäftigt – dann führt alles immer wieder auf die Jahre um 1980 zurück. Und wenn man sich dafür interessiert, wie das damals in Deutschland anfing mit Punk und New Wave und ja, auch mit Industrial, dann ist Jürgen Teipels „Doku-Roman“ Verschwende deine Jugend eine eben so aufschlußreiche wie unterhaltsame Lektüre.

Aufschlußreich weil ich viele Dinge daraus erfuhr, die mir vorher überhaupt nicht klar waren. Daß Punk zunächst mehr eine Rebellion gegen das Hippietum als gegen die Spießbürger war, zum Beispiel. Und unterhaltsam, weil das Buch vor Anekdoten nur so überquillt. Wie DAF vor britischen Skinheads spielte und nur nicht zusammengeschlagen wurden, weil diese „Deutschland, Deutschland, alles ist vorbei!“ als „… Sieg heil!“ missverstanden, zum Beispiel. Und diese Mischung aus zahllosen Anekdoten von damals und der (späteren) Reflektion darüber zeichnen ein sehr plastisches Bild dieser Zeit. Wie zutreffend es letztendlich ist, kann ich natürlich nicht wirklich beurteilen.

Aber auch wenn „Verschwende deine Jugend“ ein einzelnes Buch ist, so muß man sich doch nicht auf einen einzelnen Erzähler verlassen: Teipel selbst meldet sich nur im Vorwort direkt zu Wort, das eigentlich Buch besteht aus dem Zusammenschnitt unzähliger Interviews, die Teipel mit mehreren Dutzend Musikern und anderen Szenegestalten geführt hat. Absatzweise zusammengeschnitten, entsteht so eine multiperspektivische (und manchmal etwas unübersichtliche) Erzählung der Jahre ’76 bis ’83. Auch, wenn man sich nicht jeden Namen merken, nicht jeden Faden behalten kann, ist es Teipel gelungen, all die Einzelstimmen zu einer koheränten, spannenden und amüsanten Erzählung zu komponieren. Oft sind all die Erzähler gleicher oder zumindest ähnlicher Meinung, aber das Format ist immer dann besonders erfolgreich, wenn dies mal nicht der Fall ist. Wenn es zum Beispiel um die Haltung zur Gewalt geht oder die Frage, was an Punk eigentlich ernst und was nur ironisch gemeint war, gehen die Ansicht oft massiv auseinander – und zeigen darin häufig schon die Verwerfungslinien auf, an denen sich später Subgenres oder Stile spalten würden.

Wenn auch der Punk im Vordergrund steht, so zeigt der Roman vor allem, dass in der kreativen Ursuppe um 1980 ‚Punk‘ noch ein sehr offener Sammelbegriff für allerlei verrückte Experimente war, die man heute gar nicht mehr als solchen bezeichnen würde. Neben dem eigentlichen Punk entwickelte sich auch die Neue Deutsche Welle aus dieser Ursuppe heraus – oder eben Bands wie DAF, Die Krupps, Malaria oder die Einstürzende Neubauten. Und spätestens hier wird das Buch auch interessant, wenn man sich für Punk im heutigen Sinne nicht sonderlich interessiert. Besonders die Entwicklung von DAF von einer mehr oder weniger ’normalen Punk-Band‘ hin zur Erfindung ihres harten elektronischen Stils ist einer der Handlungsbögen, der sich durch das Buch zieht.

So kurzweilig und manchmal nostalgisch das Buch mit all seinen Erinnerungen an legendäre ungeprobte Auftritte, Saalschlachten, wilde Partys und irrwitzige Szenen auch sein mag – einer Verherrlichung der Zeit kann man ihm nicht vorwerfen. Immer wieder kommen auch die Stimmen derer zu Wort, die die Kurve nicht gekriegt haben, irgendwie an der Sache kaputt gingen. Gerade in den letzten Kapiteln werden auch einige bittere Bilanzen gezogen. Vielleicht sollte man froh sein, dass alles nicht selbst mitgemacht zu haben. Aber dann quillt Verschwende deine Jugend wieder dermassen über von Anekdoten über wilde, geniale, kompromisslose und manchmal einfach idiotische Ausbrüche von Kreativität, dass man sich schon irgendwie fragt, warum die eigene Generation eigentlich so öde war.

Fazit: Ja, verdammt!

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