Iszoloscope – False Vacuum

Iszoloscope_FalseVacuumSechs Jahre hat Iszoloscope auf ein neues Album warten lassen – und das warten hat sich gelohnt: False Vacuum ist sensationell gut geworden. Ich gehe jetzt schon jede Wette ein, daß sich False Vacuum im Dezember auf den meisten ‚best of 2016‚-Listen wiederfinden und nach lange darüber hinaus ein relevanter Meilenstein sein wird.

Das Album beginnt zunächst mal mit einer Überraschung: awe gratitude rapture ist keineswegs der brutale akustische Overkill den man von Yann Faussurier erwartet, sondern eröffnet das Album mit einer Komposition aus tiefen Streicherklängen und tribal-artiger Percussion. Vor diesem dunklen Hintergrund setzt sich eine hohe, metallisch Melodie wie von einer Spieluhr ab – ein Element, das sich durch das Album ziehen wird.

Das Stück erinnert in seiner Stimmung und Dramatik an iVardensphere – und tatsächlich hatte Faussurier sich Scott Fox für die Post-Production von False Vacuum an Bord geholt. Da Fox Iszoloscope zu seinen wesentlichen Einflüßen zählt, schließt sich hier ein Kreis und das Resultat überzeugt auf ganzer Linie – Faussurier zeigt hier eindrucksvoll, dass er nicht nur den rhythmischen Krach, sondern auch konventionellere Instrumentierungen souverän beherrscht.

Aber ab dem zweiten Track ist unverkennbar, daß man es tatsächlich mit einer Iszolocope-Platte zu tun hat: Schnelle, harte Rhythmen werden einem wie Schrapnell in einem Windkanal um die Ohren geschossen. Charakteristisch sind dabei die verzerrten, scharfkantigen Höhen im Kontrast zu dem dichten, treibenden Bass während auf den Mitten meist wenig Betonung liegt. Die Höhen aber verdienen besondere Beachtung: Statt dem genre-typischen undurchdringlichen Hagel schafft Faussurier hier einen wesentlichen filigraneren, ausdifferenzierten Sound – lauter kleine akustische Shurikens, die rapide und präzise abgefeuert werden.

Zu diesen brutalen akustischen Attacken gesellen sich aber immer wieder harmonische Elemente – häufig in Form der bereits erwähnten, an Spieluhren erinnernde Melodiefragmente. Nun ist der Kontrast zwischen dissonanter Distortion und Harmonie keineswegs neu, sondern eher eines der wiederkehrenden Konzepte im Industrial. Bemerkenswert aber ist, wie Faussurier dieses Stilmittel hier einsetzt: Die beiden Komponenten der Musik sind keine einfach parallel laufenden, kontrastierenden Spuren, sondern immer wieder eineinander verwoben, zwei sich immer wieder gegenseitig vorwärtstreibende Seiten einer Medallie.

Vielleicht ist es genau das, was False Vacuum so bemerkenswert macht: Iszoloscope schafft es immer wieder, bereits zum Klischee erstarrte Elemente und Stilmittel so frisch, neu durchdacht und perfekt produziert zu präsentieren, dass sie dort völlig unverbraucht wirken, wo sie bei vielen seiner Genre-Kollegen nur noch kitschig erscheinen. Wenn zum Beispiel in der Mitte von relevance outside logic der Sound für einige Sekunden auf fast vollständige Stille abfällt, so hat das exakt die gleiche Wirkung wie der Moment in der Mitte des Horrorfilms wenn das Opfer scheinbar entkommen ist: Man wagt nicht zu entspannen und hält die Luft an, da man weiß daß man sich nun für den nächsten, um so brutaleren Angriff wappnen muß.

In diesem Sinne beweist False Vacuum, daß PowerNoise/RhythmicNoise keine Sackgasse ist, sondern auch nach 20 Jahren noch spannende Entwicklungen und hervorragende Alben hervorbringen kann. Es ist die Art von Album, die tanzbare Rhythmen, brutale Distortions und dichte Atmosphäre spielerisch und voller überraschender Details verbindet und meine Begeisterung für ein Genre neu weckt.

Dafür warte ich gerne mal sechs Jahre.

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