Ideologisches Hütchenspiel (4): Ars Gratia Artis?

(Teil 1, 2, 3)

Ars Gratia Artis – der Titel von Erdmanns Manifest deutet eine argumentative Stoßrichtung an, die man dann im Text zunächst auch wiederfindet.

Es obliegt mir als Kunstschaffenden nicht, mich als Werkzeug irgendeiner wie auch immer gearteten, politischen oder ideologischen Weltanschauung zur Verfügung zu stellen oder in Form eines erzieherischen Auftrages zu handeln und anderen Menschen zu erklären, wie sie die Welt für sich begreifen sollen. Dann wäre das musikalische Schaffen für mich beendet, da die Muse dann nicht mehr frei wäre.

Ars gratia artis – die Kunst um der Kunst willen, ohne politische oder ideologische Komponente? Schwierig, wenn faschistische Symbole oder Begriffe aufgegriffen werden, aber nicht unmöglich: DAFs Mussolini ist ein herrliches Stück Dadaismus, das sich kaum in einen politischen Kontext stellen lässt und gerade deshalb beim erstmaligen Hören für Irritation sorgt.

Bei Triarii hingegen wirkt die Inanspruchnahme eines l’art pour l’art-Standpunktes fadenscheinig. Wenn beispielsweise das Album „Muse in Arms“ mit dem Radio-Werwolf-Sample „Wir kommen wieder“ endet, so kann diese Ankündigung durchaus ambivalent als Warnung oder als Verheißung aufgefasst werden. Aber die Referenz als unpolitisch wahrzunehmen fällt schwer, besonders da es sich nicht um einen Einzelfall handelt.
Auch dass Triarii Arno Breker einen song gewidmet hat und sich für dessen Rehabilitierung auspricht, lässt sich – ganz gleich wie man diese Position bewertet – kaum mit Ars Gratia Artis in Verbindung bringen.

Es ist dann auch wenig überraschend, das Erdmann das titelgebende Ars Gratia Artis in dem Manifest schnell beiseite legt und dann doch über Politik schreibt. Und hier finden sich einige Passagen, die für mich schwer erträglich sind:

Die beiden politischen Extreme sind zwei Seiten ein- und derselben Medaille.
Die Eine kann ohne die Andere nicht existieren.

Sorry, aber das ist einfach nur Schmarrn. Nazis brauch(t)en keine Linksextremen, um Juden, Ausländer und Homosexuelle zu ermorden. Das galt vor 80 Jahren und das gilt heute noch immer: Die NSU ist genau so wenig die Kehrseite der RAF, wie Hitler die Kehrseite Lenins war.

Die seltsame Behauptung wirkt wie der Versuch einer Relativierung – ähnlich dem wiederkehrenden Argumentationsmuster konservativer Politiker, welche in Diskussionen über rechtsextremer Gewalt häufig reflexhaft auf den Linksextremismus verweisen und dadurch die rechte Gefahr zum einen relativieren, zum anderen gleichsam durch Themenwechsel aus der Schusslinie nehmen.

Gegen Ende des Manifests schlägt Erdmann dann nochmals in eine ähnliche Kerbe:

Und wenn ich mit dem alten Rom, dem Nationalsozialismus und den vielen Kriegen der Welt fertig bin und ich Lust verspüre, mich mit den ebenso unsäglichen Verbrechen und Verfehlungen des Sozialismus, des Kommunismus oder der Institution Kirche auseinanderzusetzen, welche ebenfalls Millionen von Menschenleben auf dem Gewissen haben, dann werde ich dies tun!

Das ist aus mehreren Gründen bemerkenswert. Zunächst einmal – natürlich sind in den kommunistischen Regimen und im Namen der Kirche unsägliche Verbrechen geschehen, das steht außer Frage. In einer Diskussion über den Nationalsozialismus davon anzufangen schmeckt allerdings wieder verdächtig nach Relativierung.

Aber sei’s drum – viel wichtiger ist an dieser Stelle anzumerken, dass Triarii sich eben nicht mit den unsäglichen Verbrechen des Nationalsozialismus auseinandersetzt. In Triariis Werk ist Platz für Kameraden, Heldentod und für die Stadt der Jugend – aber nicht für die Verbrechen oder Opfer des Naziregimes. Und nebenbei ist es natürlich ein wenig bizarr, mit Werken zu argumentieren, die man vielleicht irgendwann mal machen könnte.

Ein erstes Anzeichen, dass er sich nun in seinem Schaffen tatsächlich dem Kommunismus zuwenden könnte, ist allerdings unlängst aufgetaucht: In Zusammenarbeit mit Ordo Rosarius Equilibrio unter dem Projektnamen TriORE ist ein Album namens „Cummunism“ (nein, kein Tippfehler!) angekündigt. Ein erster Track wurde vor wenigen Wochen als Teaser veröffentlicht.

Das hier auf eine Offiziersmütze aus der polnischen Volksrepublik gewichst wird, wäre an sich nicht der Rede wert – man hat schon schlimmere Provokationen gesehen. Aufschlussreich wird das Video, wenn man sich vor Augen führt, dass faschistische Symbole in Erdmanns Werk nie eine solche Herabwürdigung erfahren wie hier das Symbol eines kommunistischen Ostblockstaates. Würden auch Elemente der NS-Zeit von Triarii durch den Schmutz gezogen, so sehe die Sache anders aus. Aber über vier Alben hinweg ist dergleichen Ausgeblieben und alle aufgegriffene Nazi-Ästhetik blieb immer ungebrochen, unbeschmutzt, unwidersprochen.

Hm.

Je länger man sich mit dem Manifest (und diversen von Erdmann gegebenen Interviews) beschäftigt, desto deutlicher klafft der Widerspruch zwischen der von Erdmann behaupteten Intention und dem tatsächlichen Werk von Triarii auf:

Für mich als hier in Deutschland Geborener ist es schon fast Pflicht, sich mit den dunkelsten Schattenseiten seines Landes auseinanderzusetzen; fernab von wohldosiertem Dokumentations-Brei, der über die Bildschirme der Nation flimmert. (…) Nur wenn wir den Finger tief in die Wunde legen; dahin wo es am meisten schmerzt; dann kann auch Heilung eintreten.

Ganz davon abgesehen, dass dies natürlich wieder voll dem Gedanken von Ars Gratia Artis widerspricht, kann ich in Triariis Werk keine Auseinandersetzung mit der Materie erkennen, die über den „wohldosiertem Dokumentations-Brei“ hinausgeht. Man sucht hier vergeblich nach neuen Erkenntnissen oder Denkanstößen.

(Dass eine solche musikalische Auseinandersetzung mit dem Thema Krieg fernab der ausgetretenen Pfade tatsächlich möglich ist, haben die Einstürzenden Neubauten übrigens erst unlängst mit Lament auf hohem Niveau bewiesen. Dieses vielschichtige Werk sei hier nochmals als Alternative zu dem einseitigen Pathos von Triarii empfohlen.)

Den Finger in die Wunde legen, provozieren – das freilich tut Triarii gern, allerdings sehr einseitig, denn Nazis dürften sich durch sein Werk kaum provoziert fühlen, im Gegenteil. Im Netz finden sich deutliche Belege dafür, dass sich unter den Triarii-Fans so einige Nazis tummeln. Falls Erdmann diese Tatsache unangenehm sein sollte, so zieht er keine Konsequenzen daraus. Zwar wiederholt er immer wieder, weder links noch rechts zu sein, „keinen Platz“ in diesem Kampf zu haben und dass er seine Musik nicht im Dienste einer wie auch immer gearteten Ideologie sehen will. Aber er scheint nicht zu reflektieren, dass sein Werk geradezu dazu einlädt, vor einen rechten Karren gespannt zu werden:
Selbst wenn Erdmann kein Faschist ist, so produziert er doch Musik, die von einer Verherrlichung des Faschismus ununterscheidbar ist.

Das ist das Fazit, das ich für mich nach vielem hin und her gezogen habe.
In meinen Playlists wird Triarii daher keinen Platz mehr finden. Das ist eine persönliche Entscheidung, die ich für mich getroffen habe – ein Freund von generellen Veröffentlichungs- oder Auftrittsverboten bin ich nicht.

Was ich mir allerdings wünschen würde, wäre dass die Verwendung von faschistischer Ästhetik in diversen [post]industrial-Genres wieder häufiger diskutiert und hinterfragt wird, bevor sie noch weiter zu einer allgemein akzeptierten Selbstverständlichkeit verkommt.

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