Ideologisches Hütchenspiel (1)

(Teil 2, 3, 4)

Bands, die sich musikalisch mit dem Themenkomplex Nationalsozialismus/2.Weltkrieg beschäftigen, sind im PostIndustrial ein unsägliches Minenfeld. Eigentlich hatte ich gar nicht vor, es zu betreten, aber nun bin ich doch hineingestolpert und werde in den nächsten paar Beiträgen versuchen, nicht in die Luft zu fliegen.

Debatten zu Bands, die den Nationalsozialismus thematisieren, sind (gerade online) oft von zwei extremen Beißreflexen dominiert: Auf der einen Seite stehen die Übereifrigen, die jeden noch so vagen Verdacht zum Anlass nehmen, um Künstler als ‚Nazis‘ abzustempeln. Auf der anderen Seite stehen die Apologeten, die jede noch so krasse rechte Entgleisung mit fadenscheinigen Argumenten rechtfertigen.

Beide Standpunkte bieten meist wenig Erkenntnisgewinn, denn die banale Wahrheit ist erstmal:

  • Nicht jeder, der sich musikalisch mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzt, ist ein Nazi.
  • Nicht jeder, der sich musikalisch mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzt, ist kein Nazi.

Die Frage natürlich, in welches der beiden Töpfchen ein bestimmter Künstler einzusortieren sei, ist nicht immer leicht zu beantworten – gerade in einer Szene, in der Provokation, Mehrdeutigkeiten und Strategien der Verunsicherung des Hörers alltäglich sind. Man kann hier die ganze Bandbreite finden: Vom intelligenten subversiven Auseinandersetzungen mit dem Thema über dumpf-pubertäre Provokation um der Provokation willen bis hin zum Crypto-Faschismus. Und alle können beim ersten Hören verdammt ähnlich klingen, so dass die Ersteren unwillentlich den Letzteren als Deckung dienen.

Man findet sich in einer Art ideologischem Hütchenspiel wieder: Na, wo ist der Nazi drunter?

Aber vielleicht hat man sich zu diesem Zeitpunkt schon in einer Frage verrannt, die hier nur begrenzt greift – denn der Begriff ‚Nazi‘ ist vielleicht nicht das geeignetste. (Neo-)Nazi assoziiert man mit dem dumpfen Fascho, dem ‚Heil Hitler!‘ brüllenden Nazi-Skinhead, und musikalisch denkt man an wenig subtile Spacken wie Störkraft.
Gerade dieses klare Bild des Nazi-Schlägers dient als wunderbare Projektionsfläche und zur falschen Distanzierung. Wenn man das berüchtige „Ich bin ja kein Nazi, aber-“ hört schwingt dabei meist mit: „Wir wissen doch alle wie Nazis aussehen, ich bin kein dumpfer Schläger mit Glatze, ich bin ein anständiger Bürger (oder: nonkonformistischer Künstler), aber-

Durch diese Abgrenzung kann man sich wunderbar selbst davon überzeugen, kein Nazi zu sein. Vielleicht auch zurecht. Pegida ist voll von solchen Leuten. Leute, die (zumindest nach eigener Definition) keine Nazis sind, nicht das ‚volle Programm‘ fahren – aber dennoch problematisch, fremdenfeindliche, rassistische, faschistische Vorstellungen haben.

Ähnlich verhält es sich bei diversen ideologisch fragwürdigen Bands und Künstlern im PostIndustrial/Neofolk-Umfeld. Man begegnet hier in der Regel keinen ‚klassischen‘ Nazis, und der Versuch, sie also solche abzustempeln, will nur selten zweifelsfrei gelingen. Aber man begegnet schon merkwürdige und mehr als bedenkliche Ansichten, öfter mal aus der rechts-esoterischen oder sozialdarwinistischen Ecke. Und man ist sich selten sicher: Ist das jetzt für bare Müze zu nehmen? Dank des ideologischen Hütchenspiels gibt es mehr als genug ‚plausible deniabilty‘. Bis auf einige extreme Fälle kommt man so erstmal nicht weiter.

Lässt man mal die Etikettenfrage ‚Nazi ja/nein‘ mal beiseite und ersetzt es durch die offenere Frage ‚Was macht der Künstler da eigentlich? Wie befasst er sich mit dem Thema, welche Ideen transportiert er – und was ist daran problematisch?‘ – dann nähert man sich der vielbeschworenen ‚differenzierten Auseinandersetzung‘.

Ist eine solche überhaupt möglich und sinnvoll, oder sind am Ende doch wieder braune Tretminen unter den Hütchen?
Der Versuch einer Antwort folgt nächste Woche.

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