Frl. Linientreu – Transformation

Perfektion bedeutet nicht, dass man nichts mehr hinzufügen, sondern das man nichts mehr wegnehmen kann – das ist zwar ein abgedroschener Spruch, aber beschreibt die Musik von Frl. Linientreu (aka Ina Peters) in ihren besten Momenten. The Hood zum Beipiel ist so ein Track.

Es fällt mir auch nach mehrmaligem Hören noch schwer zu glauben, das der Song tatsächlich nur knapp zweieinhalb Minuten lang ist – was daran liegen mag, daß diese Zeit keinen Leerlauf umfasst: Jeder Takt ist notwendige Entwicklung, kompakter hätte man die musikalische Idee nicht ausformulieren können. Das ist charakteristisch für das neue Album Transformation: Nur drei von dreizehn songs knacken die 4-Minuten-Grenze. Und wenn sie das tun, dann mit gutem Grund – wie der Opener des Albums, dessen genauen Titel ich mir nur mit Hilfe eine Landkarte merken könnte.

An den Gemeinsamkeiten und Unterschieden dieser beiden Tracks lässt sich viel über das Album als ganzes Aufzeigen: Es gibt eine breite Palette an an Tempi und Stimmungen, die es einem nicht leicht machen, es in eine spezifische Genre-Schublade zu pressen. Minimalistisch ist es in den eingesetzten Mitteln, aber keineswegs seinen Kompositionen, die trotz ihrer klaren Strukturen immer eine angenehme Verspieltheit besitzen.

Was die Tracks dann wieder verbindet, ist ihr ungeheuer klar und satt produzierter, unverbrämt elektronischer Sound: Hier muß ein Drumcomputer sich nicht schämen, auch wie einer zu klingen, und heftigere Effect-Chains und Distortions kommen nur sehr wohldosierte (und gezielt) zum Einsatz.

Ab dem achten Track kommen nach einer komplett instrumentalen ersten Hälfte dann auf einmal Vocals mit ins Spiel, und das ist leider der Punkt wo ich ein wenig mit dem bis dato uneingeschränkt lobenswerten Album hadere.

Zunächst einmal sei gesagt, dass die ungewöhnliche Präsentation der Vocals mir ausnehmend gut gefällt: Eher etwas leiser unter die Musik gemischt und weitaus stärker als diese von Effekten verfremdet, drängt sich der deutsche Sprechgesang nicht in den Vordergrund, sondern wirkt die meiste Zeit eher wie ein begleitender Untertitel zur Komposition. Und diese Ergänzung passt gut zu Frl. Linientreus Musik.

Den Texten allerdings stehe ich etwas zwiespältig gegenüber: Frl. Linientreu macht hier keine Show, schiebt keine Persona vor, sondern ist durchgehend sehr persönlich. Das finde ich auf der einen Seite eine sympathische Abwechslung (apokalyptischen Cyberblödsinn muss ich mir bei meinem Musikgeschmack schon genug anhören), aber auf der anderen Seite erweckt es bei mir in manchen Fällen (insbesondere bei ‚Deine Kinder sind fort‘) den unangenehmen Eindruck, ungewollt Tagebuchfragmente zu hören, die mich eigentlich nichts angehen. Ist sicher auch Geschmackssache und etwas versöhnt wurde ich durch die schöne Wortschöpfung ‚Aquariumsklaven‘.

Schwerer zu übergehen finde ich allerdings, daß die Texte oft ziemlich mit der Brechstange gereimt sind und entsprechend holprig daherkommen. Da die Vocals im Mix gegenüber der Musik zurücktreten, drängt sich diese Schwäche zum Glück beim bloßen Hören nicht weiter auf, aber beim Mitlesen der Texte, autsch… hier hätte etwas Feinschliff dem Album gut getan und ich ertappe mich immer wieder dabei, die songs zu skippen, bei denen es mich stört. Das ist irgendwie schade, aber schmälert in keiner Weise den Spaß, den ich ansonsten mit dem Album habe.

Und der ist so groß, dass ich mich trotz Zeitmangel mal wieder aufgerafft habe, um ein etwas längeres review zu schreiben. Als, Daumen hoch!

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