Einstürzende Neubauten – Lament

Lament ist ein guter Grund, sich mal wieder eine CD zu kaufen und nicht nur mp3s. Das neue Neubauten-Album braucht Zeit. Und ein Booklet.
Ich habe es erstmal falsch gemacht, mir aus Bequemlichkeit das Album rasch als download gekauft und unterwegs auf dem mp3-Player gehört. Und war enttäuscht.

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Aber ein Neubauten-Album kann ich nicht einfach so unter ‚Naja, schade‚ abhaken. Zumal das Gefühl zurückblieb, überhaupt nicht verstanden zu haben was da vor sich ging.

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Also habe ich ein paar Tage später das Album nochmal in Ruhe gehört und mir dabei ein wenig den Hintergrund angelesen. Und das war eine andere, sehr bemerkenswerte Erfahrung.

Lament ist kein normales Neubauten-Album, das hat Blixa Bargeld mehrfach betont. Als Auftragsarbeit für die belgische Stadt Diksmuide entstand Lament als Performance zum 100. Jahrestag des Ausbruchs des ersten Weltkriegs. Das Album ist ’nur‘ das Tondokument einer Aufführung, die wohl erst live ihre volle Wirkung entfaltet – was für die Neubauten ja nicht ungewöhnlich ist; so großartig manche Neubauten-Songs schon von Platte sein mögen, ohne sie live zu erleben kann man diese Band nicht wirklich erfassen.

Aber bei Lament kommt eine weitere Dimension dazu – das aus der Recherche über den ersten Weltkrieg und Diksmuide entwickelte Werk ist von beträchtlicher konzeptioneller Komplexität, die durch reines Zuhören allein nicht zugänglich ist – sie braucht die Begleittexte.
Mit deren Hilfe allerdings wird die Manifestation des Themas auf jeder Ebene des Albums erkennbar: Original-Tondokumente wie die auf Wachszylindern aufgenommenen Stimmen Kriegsgefangerer werden integriert, historisches Liedgut aufgegriffen und interpretiert, Daten und Jahreszahlen dienen als kompositorische Grundlagen und natürlich werden auch Neubauten-typisch ungewöhnliche Materialien zum klingen gebracht – wie eine von Neubauten-Chefbastler Andrew Unruh gespielte Stacheldraht-Harfe. Das Thema steckt in jedem Detail und auf jeder Abstraktionsebene.

Dabei wird dem naheliegenden Ansatz, den Krieg laut, martialisch und bombastisch darzustellen, beinahe völlig aus dem Weg gegangen. Lament kommt über weite Teile gemäßigter, weit weniger krachig daher als man vielleicht bei einem Album über den ersten Weltkrieg erwarten würde. Aber schließlich heisst es auch „Lament“ und nicht „Frontalangriff“. Und das ist gut so. Weltkriegs-Kitsch haben wir schon genug. Hier hingegen finden kleine, oft obskure Details und fast vergessene Stimmen zu einem Lament zusammen, das abseits der üblichen Infotainment-Verwurstung des ersten Weltkriegs, des Military Pops und der Vorabend-Doku liegt.

In der Tat kein normales Neubauten Album. Und nichts für die Clubgänger oder Krachfetischisten. Aber wer erwartet, dass die Neubauten ein zweites Kollaps rausbringen, hat wahrscheinlich ohnehin vor zwanzig Jahren aufgehört Platten zu kaufen, um sich Enttäuschungen zu ersparen.

Selbst schuld.

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